Reformdebatte

W.Wagner, Berlin, 8.5.2012

Stand der Reformdebatte

Nachfolgenden Ausführungen sei vorausgeschickt, dass das System Biotelie aus Verpflichtung besonders zu zwei Teilzielen entwickelt wurde:
1.) Mehr Wirklichkeitsbezug und Wahrheitsorientierung in die Politik zu tragen,
2.) Erneuter Machtergreifung durch ein totalitäres Regime möglichst wirksam vorzubeugen.

Es folgt hier eine Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist, der im Namen der Reform gerade den eben genannten Zielen entgegenarbeitet und den schwärmerischen und verführerischen Versprechungen des Marxismus-Sozialismus neuen Auftrieb gibt.

Ausgangslage
Bereits die Demokratie des antiken Athen geriet bei den Philosophen in Verruf; nicht zuletzt wegen der Hinrichtung des Sokrates durch den Schierlingsbecher, nachdem er der Götterlästerung angeklagt worden war. Die Demokratie galt als Vorstufe der Diktatur mit dem Zwischenglied der Anarchie. Dabei waren damals in Athen nur die Freien abstimmungsberechtigt, während die Sklaven und die Umwohner (Periöken) nicht mitwirken durften.

Die Demokratie beruht auf der Doktrin der Gleichheit der Menschen. Die Menschen sind aber nun von Natur aus verschieden voneinander, verschieden vor allem auch an Intelligenz, Charakter, Durchhaltevermögen. Zu Ende gedacht läge das Ziel des sogenannten „demokratischen Sozialismus“ nahe, der aber zwangsläufig auf eine Diktatur weniger (Oligarchie) hinausläuft. Mit Aristoteles, dem Schüler des Sokrates, gehen wir nicht fehl, als tragfähige Demokratie eine solche anzustreben, in der die Monarchie und die Aristokratie als Elemente innerhalb der Volksherrschaft weiterwirken. Tatsächlich hatte sich die Regierungsform der Konstitutionellen Monarchie herausgebildet, in welcher der Monarch als nomineller Alleinherrscher an eine Verfassung gebunden ist, die von den Aristokraten (wörtlich: den Besten) aus den höheren Ständen ausgearbeitet worden war. Auch unser Bonner Grundgesetz ist ursprünglich das Werk weniger Fachleute, eine Auftragsarbeit der westlichen Besatzungsmächte.

Die Regierungsform der Konstitutionellen Monarchie hat sich bewährt. In Deutschland wurde sie nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg durch die Weimarer Republik abgelöst, die damit eine schwere Hypothek übernahm.
Da der letztlich unvermeidliche Frontzusammenbruch von der Marine ausgehend sich auf Front- und Heimatverbände ausbreitete, war das Kaiserreich nicht mehr zu retten. Hitler selbst bekannte in seinen Tischgesprächen, dass er unter einem Hohenzollern-Kaiser niemals gewagt hätte, sich um das Amt eines Reichspräsidenten zu bewerben.

Parteiendemokratie
Unter den heutigen Umständen sollte geprüft werden, inwieweit eine Verfassung geschaffen werden kann, deren Kernbestand gerade auch im Hinblick der Verhinderung einer Diktatur nicht durch parteipolitisches Betreiben unter Täuschung der Volksmehrheit verändert werden kann.
Verfassungsänderungen bedürften der Volksabstimmung; gemeint ist damit aber eine Mehrheit, die über die mutmaßlichen Folgen einer derartigen Änderung aufgeklärt ist. Aus bioteler Sicht muss ein Verfassungsänderungsantrag auch immer unabhängig hinsichtlich seiner Gemeinwohl-Verträglichkeit geprüft sein.

Wie bereits von einem der Väter der SOZIALEN MARKTWITSCHAFT, von Ludwig Erhard, befürchtet, hat sich auch die bundesdeutsche Demokratie zu einer Parteiendemokratie entwickelt. In dieser Parteiendemokratie werden organisierte Gruppeninteressen gegeneinander ausgewogen und ausgespielt, nicht zuletzt auch die Interessen der Abgeordneten und Parteien selbst. Das Gemeinwohl, insbesondere das grundgesetzlich beschworene „Wohl des deutschen Volkes“, spielt nur noch ganz am Rande eine Rolle. Die Wahlbeteiligung ist im Zuge dessen rückläufig, und es ist längst von einem „Parteienfrust“, von „allgemeiner Politikmüdigkeit“ die Rede. Parteimitglieder und vor allem Parteifunktionäre stehen immer häufiger im Verdacht, in erster Linie ihre eigenen, insbesondere beruflichen und wirtschaftlichen, Vorteile zu suchen.

Der Ruf nach mehr „direkter Demokratie“ wird immer lauter; ja sogar einsichtigere Bürger tragen sich mit Gedanken, die Gefahr einer Massendemokratie unter Führung von Demagogen (neudeutsch: „Populisten“) in Kauf nehmen zu wollen. Denn abgesehen von Bürgerinitiativen im engeren regionalen Bereich gegen unmittelbare staatliche Eingriffe dort, stehen Gesetzesinitiativen häufig wieder unter dem Einfluss von Gruppeninteressen. Müssen doch derartige Gesetzesinitiativen mit beträchtlichen Mitteln für die Anhängerwerbung eingeleitet und verfolgt werden, und derartige Finanzmittel werden selten ohne Eigennutz aufgebracht.

Umerziehung nach 1945
Zu einer geradezu tödlichen Bedrohung für die Demokratie wurde der von den 68er Revoluzzern systematisch durchgesetzte „Marsch durch die Institutionen“. (Rudi Dutschke), die enge Verflechtung zwischen Parteien, Regierung und Publikationsmedien und deren Schlüsselbesetzung mit ehemals radikal-sozialistischen Funktionären, und die offizielle Ausschaltung konservativer, staatstragender Kreise vollendet unter der Grundsatzdevise „Kampf gegen Rechts“.
Wer derzeit gegen die „politisch korrekte Meinung“, die als links angesiedelt verkündet wird, verstößt, wird im Konsens aller politisch einflussreichen Kräfte gesellschaftlich und beruflich geächtet und kaltgestellt.

Die „Umwertung aller Werte“ (Friedrich Nietzsche) wurde als Neuerungssucht geradezu gegen das Leben gerichtet, insbesondere gegen das Überleben des deutschen Volkes.
Nach dem militärischen Zusammenbruch von 1945 war Deutschland zwischen die beiden Weltmachtblöcke geraten.
Die Währungsreform von 1948 leitete in der neugegründeten Bundesrepublik unter Konrad Adenauern das „Wirtschaftswunder“, den überraschend schnellen Wiederaufbau und wirtschaftlichen Wiederaufstieg aus. Dies löste den Neid und das Misstrauen der Nachbarländer und ehemaligen Kriegsgegner aus, auch die des westlich-atlantischen Bündnisses, die andererseits infolge der Bedrohung durch den Sowjetkommunismus auf die Miteinbeziehung der Bundesrepublik angewiesen waren.

Von Anfang an wurden die Publikationsmedien von den Kriegsalliierten streng überwacht und in ihrem Sinne beeinflusst. Es wurde eine umfassende geistige Umerziehung des Deutschen Volkes eingeleitet. Im Osten setzte diese Umerziehung mit der FDJ („Freien Deutschen Jugend“) ähnlich wie bei Pimpfen und Hitlerjugend zuvor bereits im Kindesalter an, im Westen im Schulunterricht und vor allem auf der Ebene der Hochschulen und Universitäten. Letzteren wurde die Einrichtung von Lehrstühlen für Politik aufgezwungen, welche dem deutschen Universitätsleben bisher fremd waren. Besetzt wurden diese Lehrstühle zumeist durch jüdische Remigranten. Besonders einflussreich war die Wiedererrichtung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, dessen Stiftungsvermögen vor dem Zugriff des NS-Regime nach Genf und von dort nach den USA gerettet werden konnte. Die Mittel waren dort verbraucht und die Rückkehr nach Deutschland wurde nun von unserer Bundesregierung großzügig finanziert. Die „Frankfurter Schule“, wie sie nun genannt wurde, stand unter Führung von Max Horkheimer, der besonders von dem Musikpädagogen Theodor W. Adorno wissenschaftlich unterstützt wurde. In den USA hatte sich die Gruppe um das Institut äußerste Zurückhaltung auferlegt, da sie sich ja bekannterweise aus Marxisten mit kommunistischen Zielsetzungen zusammensetzte, welche unter der Atmosphäre des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion besonders in der Mc Carthy-Ära in den USA mit Verfolgung rechnen musste. Der deutschen Geistestradition fühlte sich die Gruppe noch eng verbunden; ihre eigene wissenschaftliche Leistung war doch wohl nur von mäßiger Bedeutung, aber damit im Geschäft zu klingeln und die jüdische Rückwanderung als großzügige Wohltat darzustellen, darin war Max Horkheimer durchaus geschickt.

Die „Kritische Theorie“ als Markenzeichen in Anspielung auf Immanuel Kants Lebenswerk war jedoch maßlos überzogen, ja in vielem deren Sinnverkehrung. Die deutschen Studenten wurden nun erfolgreich zur Kritisierung aller Werte und Verhaltensweisen ihrer Eltern erzogen, welche sich endlich der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen vor allem an den Juden stellen sollten.
Sigmund Freud hatte zwar richtiger Weise erkannt, dass verdrängte Kindheitserlebnisse lebenslange psychische Störungen hervorrufen können; andererseits darf nicht verkannt werden, dass Verdrängung auch ein wichtiger Schutzmechanismus ist, auch kollektive Verdrängung rechnet hierher.
Nach wie vor wurde Karl Marx als Vorbild hingestellt, indem er „die Philosophie vom Kopf auf die Füße gestellt“, die Wissenschaft zum Instrument der politischen „Praxis“ erhoben hatte, womit die Revolution gemeint war. Es ging nun — vor allem in den Geisteswissenschaften — nicht mehr darum, die Wahrheit zu ergründen, sondern die Gesellschaft im Sinne einer neuen Moral zu verändern. Zusammen fielen diese Qualität vernichtenden Aktivitäten mit dem Massenzustrom zu den Universitäten und Hochschulen, welche nicht annähernd über den notwendigen Lehrkräftebestand verfügten.
Die Traditionen wurden als „alter Zopf“ und „verkrustet“ abgetan und ihre Vertreter an den Rand gedrängt. Zuletzt bekamen dies auch die Vertreter der Frankfurter Schule als nackte Gewaltanwendung zu spüren; es ging das Gerücht, dass auch Theodor W. Adornos tödlicher Herzanfall auf das Konto dieser unerwartet brutalen Gewaltbedrohungen ging.
Adorno soll sich zuletzt gefragt haben, ob nicht Friedrich Nietzsche der größere Philosoph als Karl Marx gewesen sei; wäre er früher darauf gekommen, hätte er vielleicht bei der Biotelie ankommen können.

So jedoch, im Banne des Institutsgeistes, ging es darum, den Menschen in seinen Grundeinstellungen gemäß der marxistischen Ideologie zu verändern. Erich Fromm, der 1932 die sozialpsychologische Abteilung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung leitete, führte die Unterscheidung zwischen Individual-und Sozialcharakter ein, wobei letzterer in der Familie begründet werde. Der „autoritäre Charakter“ sei durch Konformität, Vorurteile und Destruktivität geprägt. Wilhelm Reich stellte 1933 den angeblichen Zusammenhang zwischen sexueller Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie heraus; auf ihn griff die 1968-Studentenbewegung stark zurück. Bereits von Marx ausgehend wurde die Zerstörung der bürgerlichen Familie, die Keimzelle des „patriarchalen“ Staates, systematisch ins Visier genommen. Reich, ebenfalls jüdischer Abstammung, stand damit in der geistigen Nachfolge von Siegfried Freud, der sich jedoch von dessen Lehren distanzierte.
Im Exil hatte Max Horkheimer, wohl nicht zuletzt aus finanzieller Notlage heraus, das American Jewish Committee dazu veranlasst, sein Institut in Zusammenarbeit mit der Universität Berkeley zu einer Studie über den Zusammenhang von Antisemitismus und Faschismus zu beauftragen. Die „Empirische Sozialforschung“ bediente sich dabei zur Messung einer inhaltlich teilweise recht fragwürdigen Fragebogen-Methode, der „legendären F-Skala“ (F für Faschismus). Der „Autoritäre Charakter“ ist darin „der Idealtyp eines faschistisch handelnden Individuums. Er zeichnet sich durch starres Festhalten an Konventionen, Machtorientierung und Unterwürfigkeit, Destruktivität und Zynismus aus… Das Schlagwort kam aus der Mode. Stattdessen entdeckte die Postmoderne die multiple Persönlichkeit. Von Charakteren sprach man in den Zeiten von „ich bin viele“ nicht mehr.“ (Frankfurter Rundschau, 29.04.12)

Man hatte auch allen Grund dieses Schlagwort außer Mode zu bringen, da die „antiautoritäre Erziehung“ sich unverkennbar bis heute als verheerend in ihren Folgen darstellt. Um saubere wissenschaftliche Methode ging es Horkheimer und Kollegen bei ihrer damaligen Studie auch nicht; soll bei ihnen doch Wissenschaft im marxistischen Sinne Werkzeug der Praxis, der politischen Wirkung sein. In der Abfassung wie vieler Fragebögen liegt nicht auch heute die Antwort auf eine angeblich wissenschaftliche Untersuchung bereits vor deren Durchführung fest.

Was soll eigentlich — wie oben — überhaupt die Phrase und Anmaßung von der „Postmoderne“? Will man die Zeit wirklich aufhalten, kann man Geschichte wirklich aufheben und festmachen, indem man sie leugnet? Wir sind also derzeit alle gleiche „multiple Persönlichkeiten“ in einer sich herausbildenden globalen Weltgesellschaft, einer Neuauflage des sozialistischen Paradieses, so will es die Linke immerfort weiter gesponnene Ideologie.
„Links ist menschenfreundlich“, so verkünden es unsere Medien in allen Tonarten, und wer anderer Ansicht ist, der ist als Rechter zu bekämpfen. Hat sich denn der menschliche und wirtschaftlichen Zusammenbruch des Weltkommunismus unter der Fahne des Marxismus etwa gar nicht nicht ereignet?

Das „Widervernünftige der kapitalisierten Gesellschaft“ (Joachim Bruhn) ist doch bei einer explodierenden Weltbevölkerung nicht vermeidbar, denn moderne Großtechnologie und Automatisierung erfordern große Kapitalien. Die Befreiung der Arbeiter ist teilweise derart fortgeschritten, dass auch Sozialisten nicht mehr auf eine revolutionäre Arbeiterbewegung setzen. Ohne Ordnungs- und Befehlsstrukturen aber kommen durchrationalisierte Gesellschaften nicht aus; und es ist zu billig, das Bemühen um eine Rechtsordnung so hinzustellen, als sei in ihr „das empirische Individuum nur Ausdruck des juristischen Subjekts […]: >faule Existenz, Einheit des Vielen ohne Zwang, Zurück zu Marx<“ und damit der gewaltsamen Revolution das Wort redet (ebendort), betont, dass friedfertige politische Reformen mehr Segen und Fortschritt gebracht haben als gewaltsame Revolutionen. Bei den modernen, perfektionierten Vernichtungsmitteln gilt dies in erhöhtem Maße.

Auf deutscher Seite wäre da vorrangig das Kaiserreich ab 1871 als reformfähig zu verbuchen, dessen Reichstag sehr wohl eine bedeutende Rolle als Volksvertretung spielte.
Schließlich war es etwa Reichskanzlern Fürst Otto von Bismarck der mit der Einführung der Reichsversicherungsordnung einen zukunftsweisenden Beitrag zur Bekämpfung des Arbeiterelends leistete. Es war auch keineswegs so, dass Deutschland die Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug. Den europäischen Großmächten war mit der Reichsgründung in Deutschland ein mächtiger Konkurrent erwachsen und dies löste eine Einkreisungspolitik aus. Nach der Kriegsniederlage wurde der Diktatfrieden von Versailles zu einer so bösen Schmach und Belastung auch für die Weimarer Republik, dass Hitler mit seiner „Machtergreifung“ leichtes Spiel hatte. Die Aufbauleistungen des „Dritten Reichs“ in nur sechs Jahren waren überzeugend für In- und Ausland.

Dass der Zweite Weltkrieg in Größenwahnsinn von Hitler, d. h. von Deutschland vom Zaum gebrochen wurde, ist — in Abwägung aller heute zugänglicher geschichtlichen Zeugnissen — wiederum eine Behauptung der Siegermächte. Polen hatte auch die Deutschen Minderheiten schlecht behandelt, etwa unter Aufsicht des Völkerbundes in der Freistadt Danzig, sich in Ausnutzung der Kriegs- und Nachkriegswirren 1919 bereits rücksichtslos etwa auch gegenüber (orthodoxen) Ukrainern verhalten und am 22. bis 24. November 1918 ein Pogrom an der jüdischen Gemeinde in Lemberg begangen.

Polen hatte mit England und Frankreich 1939 einen Beistandspakt unterzeichnet, der auf Betreiben Winston Churchills das Eingreifen der Westmächte für jeden Fall eines Konflikts mit dem Deutschen Reich vorsah, nicht nur im Falle angegriffen zu werden.
In maßloser Überschätzung der eigenen Kräfte mobilisierte Polen seine Armee bereits im Frühjahr 1939; es sollen Plakate mit „Auf nach Berlin!“ zum Einsatz gekommen sein.
Es ist auch zu bedenken, dass auf Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes die Sowjetunion ihrerseits bereits vierzehn Tage nach der Deutschen Wehrmacht in Ostpolen einmarschierte. Weiterhin spricht die Massierung von Truppen und militärischem Gerät in dreifacher Stärke der deutschen Invasionsarmee vom 1.September 1939 ohne Verteidigungsaufstellung in Grenznähe für einen unmittelbar geplanten Angriff Stalins.

Kommen wir zu dem sehr dunklen und für immer schmerzhaften Kapitel der systematische Judenvernichtung unter dem NS-Regine. Zunächst sei festgestellt, dass der Mord und das Unrecht an Menschen jüdischer Abstammung deutsche Bürger überdurchschnittlicher Tüchtigkeit betraf. Die Minderheit jüdischer Abstammung verkörperte hierzulande weitgehend das Ideal, was sich die NS-Funktionäre von den übrigen Deutschen erträumten und fühlte sich hier besonders beheimatet und sicher. Die NS-Rassenlehre vom Vorzug des „Nordischen Menschen“ war wissenschaftlich unhaltbar und kurioser Weise auf Hitler selbst nicht anwendbar. Diese Rassenlehre ist ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft in staatlich-ideologischer Abhängigkeit auf Irrwege gerät. Nahezu gleichzeitig geriet die sowjetische Vererbungsforschung unter Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) auf Irrwege, der die Erblichkeit erworbener Eigenschaften behauptete. Die Irrlehre passte vortrefflich in das Zwangssystem Josef Stalins. Bedeutende ernsthafte Biologen wurden damals in der UdSSR verfolgt, durch Fehlkultivierungen bei der Getreideerzeugung wurden die Hungersnöte in der Sowjetunion verschärft.
NS-Deutschland verstand es, den Verlust an fachlicher Kompetenz durch den Ausschluss Jüdisch-Stämmiger besser zu verkraften und teilweisen durch Einzug beträchtlicher jüdischer Vermögen zu kompensieren. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieb Deutschland führend auf fast allen Gebieten, war aber wegen der Personal- und Ressourcenknappheit nicht mehr in der Lage, seine wissenschaftlich-technische Überlegenheit auszuspielen.

Es ist eine gezielte Fehlinformation, die NS-Ideologie in Anspielung auf die Lehre Mussolinis und wegen des Zusammenschlusses der Achsenmächte, als faschistisch und damit als „rechts“ einzustufen und in die Nähe des feudalen Erbes zu bringen. Der aus einfachen familiären Verhältnissen hervorgegangene „Führer“ hatte nun wirklich wenig Sympathien für den Adel und die gehobenen Gesellschaftsschichten und bloß eingeschränkte für Traditionen, nämlich dort wo er sie für seine revolutionären Zwecke nutzen konnte. Der deutsche Reichskanzler und Führer Adolf Hitler war ein waschechter Linker und Konkurrent der Kommunisten und Sozialdemokraten. Hitler war ausgesprochener Nationalist, aber nationalistisch waren alle „real-existierenden“ sozialistischen Staaten ebenso; einzig innerhalb des Judentums gab es ehrliche Kräfte, die im Marxismus die Möglichkeit sahen, aus dem nationalistischen Korsett herauszukommen, in dem sie damals vor Gründung des Staates Israel 1948 noch über keinen eigenen Platz verfügten.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Staates und der Wahrnehmung der von ihm hinterlassenen Zerstörungen gab es nun wirklich keinen Grund auch für ehemalige NS-Parteiangehörige dafür, mit Hitler einem Mann nachzutrauern, der in seiner letzten Krankheits- und Zusammenbruchs-Phase dem Deutschen Volk die Überlebensberechtigung abgesprochen und Befehl zur Zerstörung der letzten und überlebenswichtigen Infrastruktur gegeben hatte.
Liebe 68er, der „Aufarbeitung der jüngsten Geschichte“ durch Eure Eltern und Großeltern bedurfte es eigentlich nicht; sie waren genug gestraft dafür, dass sie sich mehrheitlich durch den wirtschaftlichen Aufschwung und den überschäumenden Siegestaumel der anfänglichen militärischen Erfolge haben fortreißen lassen; sie haben auch das bittere Ende durchleben müssen. Bei den Novemberprogrom der „Kristallnacht“ von 1938 war schon den meisten nicht wohl, auch den meisten Parteigenossen nicht. Das ferne Grollen des Krieges beunruhigte tief. (Ich erlebte es als Kind in NS-überzeugter Umgebung.)
Während des Krieges rückten die Versorgungsprobleme, die Sicherheitsprobleme, die eigenen wie die der Angehörigen und Verwandten, zunächst in denVordergrund. Die staatliche Geheimhaltung funktionierte damals noch in einem Ausmaß, das sich Heutige im Zeitalter von Fernsehen und Handy nicht mehr vorstellen können. Dann der zermürbende Bombenkrieg. Viele Konzentrationslager, darunter auch Auschwitz, lagen ja weit ab; nie davon gehört; dies war kein Zufall. Gesten der Menschlichkeit gegen Fremde hatte ich in nächster Nähe erlebt; sie waren selten, wie die Gelegenheiten dazu. Wenn ich an Erlebnisse und Beobachtungen etwa aus den 70er und 80er Jahren mich erinnere, etwa auch an Universitäten, da habe ich keine „besseren Menschen“ erlebt, nur verrücktere (sanft und zahm ausgedrückt).
Inzwischen scheinen wir nur noch von „Gutmenschen“ umgeben oder solchen, die denen zumindest nicht widersprechen.

Ganz nahe geht mir in diesem Zusammenhang das Schicksal, einer bildhübschen damals Anfang-Dreißigjährigen, die so alle Menschen gleich-lieb haben muss; menschliche Nähe und Bindung zum anderen Geschlecht undenkbar; sie fühlt sich so schon an allem schuldig und weiß, dass sie es gar nicht ist. Vergeblich läuft sie zur Psychiaterin; von der bekommt sie aber kein Kind, was eine natürliche Heilung bewirken könnte.
Und dann die Begegnung mit einer Sportkameradin, etwas älter, neben ihrem guten Bekannten. Was sei ich doch von vorgestern, da ich noch nicht gemerkt hätte, dass die Nationalstaaten von gestern seien. Wie schön waren doch die 70er Jahre! Wer auch nur einen Stift halten konnte, habe damals alles werden können. (Dass man das an unseren heutigen „Eliten“ — man darf‘ s im Zusammenhang mit ihnen wieder sagen — merke, verschluckte ich geduldig.) Wie dringend, dass der Mief, die Prüde und Verklemmtheit von damals Vergangenheit sei. Kinder? Für was? Was müsse uns kümmern, wenn in fünfzig Jahren hier andere Menschen lebten, etwa solche mit krummen Nasen? Die Erde bleibe bevölkert, das Abtreten von ihr sei natürlich. Dies nach Erleben unserer Wälder und Dome von unseren Rädern aus! Kommt alles Heil wirklich nur von Steppenbewohnern? Werden diese hier mit der Natur schonender umgehen als in ihrer früheren Heimat?

Und da sei auch noch einmal an den Völkermord der Türken an den christlichen Armeniern in der Zeit des ersten Weltkrieges und erinnert; vorausgegangen waren 1894–96 Pogrome von Kurden an den Armeniern, welche von der türkischen Regierung zumindest geduldet wurden. Die Gesamtzahl der Opfer wird auf deutlich über eine Million geschätzt.

Die Türkei bestreitet diesen Genozid bis heute offiziell.
Wir Deutschen dagegen brachten es insbesondere in der Ära unter Außenminister Joschka Fischer sogar so weit, die Verbrechen an den Juden in der NS-Zeit mit Auschwitz als Symbol-Konzentrationslager für quasi konstitutiv für die deutsche Bundesrepublik zu erklären. Nach der offiziellen öffentlichen Meinung ist der Holocaust an den Juden, dem ungefähr fünf Millionen Menschen zum Opfer fielen, ein geschichtlich einmaliges Verbrechen. Die Unvergleichbarkeit mit anderen Menschheitsverbrechen wurde zur Doktrin erhoben.
Da der jüdische Glaube selbst eine Erbsünde nicht kennt, versucht man die ewige Inhaftungsnahme nachwachsender deutscher Generationen mit der Abschreckungswirkung gegenüber eine Wiederholungsgefahr in der Geschichte zu rechtfertigen. Die Geschichte aber hat gezeigt, dass es gerade Demütigungen eines Volkes sind, welche erneuten Gewaltregimen und Kriegen Vorschub leisten. So wäre ohne den demütigenden Diktatfrieden von Versailles Hitler kaum an die Macht gekommen.
Jahr für Jahr, nahezu täglich, wird in den bundesdeutschen Medien an die NS-Verbrechen und Kriegsschuld erinnert.
Gekrönt vom Denkmal für die ermordeten Juden Europas als Bundesstiftung im Zentrum der deutschen Hauptstadt erinnern hier und an vielen anderen deutschen Orten kaum zählbare Denkmäler an die Opfer des „Dritten Reiches“. Hunderttausende von „Stolpersteine“ für Fremde als Kriegsopfer sind als“Kunstwerke“ in Messing in deutsche Gehwege eingelassen.

Wird fortgesetzt …

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